Der Pädagoge Eric Schneider
Anno 2000, die Welt zu Gast in Hannover – in den verschiedenen Pavillons heben die verschiedenen Länder nicht nur ihre kulturellen Besonderheiten hervor, sondern parallel finden auch Konferenzen statt, in denen die Probleme der Welt und auch ihre Lösungsmöglichkeiten diskutiert werden.
Dort treffe ich ihn zum ersten Mal: einen jungen Mann, das dunkelblonde Haar zu einem Zopf zusammengebunden, immer im lebhaften Gespräch mit den Gästen aus aller Welt.
„Eric Schneider“ stellt er sich vor und auch gleich seine Idee eines „Café Weltgeist“, er redet schnell, macht kaum eine Pause, ich verstehe nicht wirklich, was er will. Ein interkulturelles Café im Internet? Meine Kenntnisse über die medialen Möglichkeiten der virtuellen Welt sind zu beschränkt, um seiner Idee folgen zu können. Doch ich treffe ihn die nächsten Monaten immer wieder, er ist oft dabei, wenn ich zusammen mit Heiner Benking „Magic Round Tables“, Gesprächsrunden im „Global House“, auf dem EXPO-Gelände moderiere, und so verstehe ich langsam, was ihn bewegt.
Eigentlich ist er auf der EXPO 2000, um etwas Geld zu verdienen, er hat sich für fünf Monate verpflichtet, den Besuchern die verschlungenen Wege auf dem Gelände zu erklären, nutzt jedoch die Zeit, um intensiv zu lernen und Kontakte aufzubauen.
Zurück in Berlin, das Eric zu seinem neuen Wohnsitz erkoren hat, treffe ich ihn häufig auf Veranstaltungen, in denen Themen wie Frieden, Nachhaltigkeit und vor allem Bildung erörtert werden. Da hat er oft seinen kleinen – damals dreiährigen – Sohn Leo auf dem Arm, zu dem er ein inniges Verhältnis hat, und er betont, wie froh er sei, so jung Vater geworden zu sein. Ich bin berührt, mit welcher Selbstverständlichkeit er als Vater versucht, seinen Sohn in sein Leben zu integrieren, etwas, was ich bisher nur bei Müttern erlebt habe. Jenny, die Mutter von Leo, und er leben getrennt, teilen sich jedoch freundschaftlich die Verantwortung für ihren Sohn: Die eine Hälfte der Woche ist Leo bei ihm, die andere bei Jenny.
Eine multikulturelle Familie
Als Leo gerade fünf Wochen alt war, sind sie alle zusammen mit dem Wagen nach Frankreich zu Erics Familie mütterlicherseits gefahren. Der französische -Großvater hatte sie kurz zuvor zu Erics 27. Geburtstag in Deutschland besucht. „Ein echt cooler Typ,“ dachte Eric damals über seinen Großvater, der über 80-jährig mit Rucksack und kurzen Hosen auf einer Europareise bei ihnen Halt machte. Eric fühlt sich diesem Großvater sehr verbunden, der sich schon in seiner Studentenzeit in einer christlichen Organisation für interkulturelle Begegnungen engagierte. Er verstand sich schon damals als Weltbürger und suchte den intensiven Kontakt zu seinen Kommilitonen aus Indien und Afrika. Nach dem zweiten Weltkrieg förderte er den deutsch-französischen Austausch, war glücklich über einen deutschen Schwiegersohn, Erics Vater, und besuchte die Familie des aus Tunesien stammenden Ehemanns seiner ältesten Tochter in tunesischen Nomadenzelten. Dass auch sein Enkel als junger Mann auf Weltreisen ging, freute ihn sehr. Als Erik vor zehn Jahren von seiner ersten Reise in die USA zurückkehrte, seiner „Indianerreise“ – wie Eric selbst sie nennt –, erzählte der Großvater, dass er sich selbst auch als Indianer empfinde, ja sogar einen entsprechenden Name habe: „Schnelles Reh“, so nannte man ihn in seiner Pfadfinderzeit.
Erics erste Reise war allerdings gar nicht durch das Weltbürgertum seines Vorfahren inspiriert gewesen, sondern hatte zunächst sehr praktische Gründe: Er wollte sein Englisch verbessern. In Münster hatte er ein Lehrerstudium mit den Fächern Englisch und Sport begonnen, denn seine Eltern sind ebenfalls Lehrer, und so erschien ihm das naheliegend. Er entschloss sich zu einem Auslandsstudium in Perth im Westen Australiens. Englisch lernte er dort auch, aber vor allem lernte er endlos weite Naturlandschaften und auch andere Lebens-entwürfe kennen. Viele seiner Kommilitonen waren als echte Naturburschen auf den einsamen Farmen Australiens groß geworden und wunderten sich über den fleißigen und strebsamen Deutschen. Der Ausruf seines Freundes Oli: „Warum bist du nur immer so fleißig?“ hallte lange in ihm nach. Als er dann auch noch drei Monate quer durch Australien reiste und zum ersten Mal den Ureinwohnern Australiens, den Aborigines begegnete, begriff er mehr und mehr, dass die Welt sehr anders aussehen konnte als in Nienburg an der Weser, wo er geboren wurde.
Sicher ist diese Erfahrung ein Grund dafür, dass Eric heute als Chefredakteur und -ingenieur eines virtuellen Nachrichtenmagazins für Jugendliche versucht, unterschiedliche Weltsichten, Vorbilder und Lösungen aus aller Welt zu vermitteln. Positive News Youth Views, kurz PNYV.org genannt, wurde 2005 als ein Dekadenprojekt der UNESCO für Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet. Eric ist wichtig, dass es nicht nur Informationen bietet, sondern als wirksames Instrument Jugendlichen Möglichkeiten aufzeigt, etwa eigene Wandzeitungen für Schulen zu entwerfen. Diese können lokale Impulse setzen und zu Projekten inspirieren – so entsteht ein neuer, freier Kommunikationsraum für das, worauf es wirklich ankommt.
Am Telefon bitte ich ihn, mich ein wenig durch diese virtuelle Welt zu geleiten, fehlt es mir doch oft an Geduld, mich wirklich auf diese einzulassen. „Nichts leichter als das,“ meint er, und verweist mich auf eine virtuelle Konferenzmethode: Wir loggen uns beide mit einem Passwort in einen virtuellen Konferenzraum ein. Er nimmt mich mit auf eine Tour durch seine Internetseiten, während wir gleichzeitig miteinander reden und nebenbei auch noch chatten können:
Eric: „Es liegt uns daran, neues, globales Denken zu nähren. Über Symbole und Denkmodelle erstellen wir Links zu Zukunftswissenschaftlern wie Buckminster Fuller und damit vielleicht den ‚missing link‘ zwischen den großen Weltgelehrten unserer Zeit, der Jugend und der Schule.“
Um das zu veranschaulichen, öffnet er die -Startseite: „Schau, zur Linken findest du aktuelle Kalender aus verschiedenen Teilen der Welt.“ Auf meinem Bildschirm sehe ich, wie erst ein chinesischer, dann ein jüdischer Kalender und gleich darauf auch Kalender der Perser, Inder und alten Maya auftauchen. „Diese können anregen, verschiedene Weltsichten zu hinterfragen, auch den Eurozentrismus.“ Das Bild springt zum Editorial über Earth Literacy, dann zu Google Maps. „Hier siehst Du verschiedene Weltkarten. In Schulbüchern und bei Google ist Grönland so groß wie Afrika! Wer will mit so einer verzerrten Karte über die Zukunft der Welt sprechen? Joy (Lohmann, Mitstreiter von PNYV) veröffentlicht jetzt mit Kindern eine Positive News Ausgabe für Hannover, mit flächentreuer Weltkarte als 12-seitige Kugel zum Basteln – für den Weihnachtsbaum!“
„Wie verbindet sich das denn alles mit der ursprünglichen Idee eines Cafés?“ frage ich ihn schließlich.
Eric: „Na ja, pnyv ist eines meiner Projekte. Cafeweltgeist.org nutze ich zur Zeit als meinen Weblog. Ein echtes Cafe – eines Tages – wär’ ein Spaß, oder vielleicht wird es ein reisender Event, wer weiß?“
Wir verabreden, wieder aufs Telefon umzusteigen, und ich will wissen: „Wie kamst du eigentlich auf diesen Namen ‚Café Weltgeist?‘“ und ahne schon, es wird eine lange Geschichte.
Von der Wildnis ins Internet
Es fing alles mit seiner ersten Indianerreise an, erzählt er mir, und seiner Begegnung mit Uncle Tubulls: Auf Einladung eines amerikanischen Freundes fährt er nach Chicago. Von dort aus geht es mit dem Auto quer durch den ehemals wilden Westen nach San Francisco: Im heutigen Nationalpark gibt es noch Wölfe, Schlangen und Bären, und als er eines Morgens im Zelt aufwacht, hört er unbekannte Geräusche. Die beiden Freunde entdecken, dass sie sich inmitten einer Bisonherde befinden. Das weite Land ist wunderschön, und in Eric wächst langsam eine Ahnung vom Spirit, vom Geist dieses alten Indianerlandes, den er schon als Kind in Klein Adlerauges Geschichten erahnte und der ihm in dem Buch „Native American Wisdom“ wieder begegnet. Schlagartig begreift er nun den darin gefundenen Satz „Die ganze Welt war eine lebendige Bibliothek.“ Als er dann mitten in den Rocky Mountains seinen Geburtstag feiert und das Geburtstagspäckchen öffnet, das seine Freundin Esther ihm auf die Reise mitgegeben hat, da weiß er, dass sein Schicksal ihn hierher geführt hat. Er findet darin ein Büchlein mit der Rede des Häuptlings Seattle, der 1866 dem amerikanischen Präsidenten erklärte, dass sein Volk ihm das Land nicht verkaufen könnte, da es ihnen vom großem Geist nur geliehen worden sei, um es zu hüten und zu bewahren, denn: „Was ist das Leben noch wert, wenn man morgens den Regenpfeifer nicht mehr hört?“
In San Francisco angekommen, hat Eric schon bald das Gefühl, als ersticke er in dieser Stadt mit ihren Hochhäusern, und er beschließt weiterzuziehen. Eine Mitfahrgelegenheit führt ihn diesmal gen Norden nach Seattle. Im Redwood Forest entdeckt er staunend Mammutbäume, und begegnet Nupa Tatanka, Tubulls genannt, der sein Weltbild die nächsten Monate auf den Kopf stellen wird. Tubulls, ein alter Indianer mit langen Haaren und Jogginghose, hat am Touristen-Highway sein Tipi aufgeschlagen. Auf Erics Frage, wo er mehr über seine Kultur erfahren könne, entgegnet er knapp: „You can stay with me.“
Eric zögert. Ihm schwant Übles über Reservationsverhältnisse, doch er wittert hier etwas ganz Besonderes – und bleibt. Schon Tubulls’ erste Frage zeigt an, wo es hingehen wird – „Are you a giver or a taker?“ Eric weiß erst nicht, was er darauf antworten soll, gibt aber nach einiger Überlegung zu, dass er wohl eher zum Stamm „Nimm“ als zum Stamm „Gib“ gehört. Und weiß – das will er ändern. Abends am Lagerfeuer zeigt ihm Tubulls, wie man ein Feuer ohne Rauch entfacht und erklärt ihm, dass die rote Welt eine zirkulare sei, während die Welt der Weißen linear aufgebaut sei, wie wichtig die Verbundenheit mit der Natur und die Liebe zu den Kindern und der Respekt für die Alten sei.
Fast ein Jahr lang führt Tubulls Eric in das für Touristen unsichtbare Amerika ein, in die Abgründe der armen und reichen, der weißen, roten und schwarzen Amerikaner. Doch die Reise führt auch wie im Zeitraffer durch Tubulls’ eigene Vergangenheit, Lebensgefühle und Grenzerlebnisse. „‚I have lived many lives‘, sagte Tubulls immer“, erzählt mir Eric: „Am Tag vor Pearl Harbour in der Reservation geboren, in den Clan von Sitting Bull, 1960 an die Uni Berkeley, mit den ersten Peace-T-Shirts nach Woodstock und zu Kommunen. Barfuß um die Welt, mit drei Kindern im Einbaum den Amazonas hinunter. Nach Vegas, rein ins Business bis zum eigenen Privatjet und zurück zur Straßenmusik. Panindianische Bewegungen, Sonnentänze, Leben auf dem Segelboot … und noch viel mehr. Das Gefühl dieser Welten hat Tubulls mich auf der Reise selbst erleben lassen. Ach, und seine Freunde und er stießen in den 60ern auf die Bücher von Hermann Hesse. Tubulls hat mir damals einen zerlesenen Band von ‚Siddartha‘ und ‚Das Glasperlenspiel‘ gegeben.“ Im „Glasperlenspiel“ findet Eric das Gedicht über den Weltgeist:
„Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen / Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten / Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / Bereit zum Abschied sein und Neubeginne / Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / In andre, neue Bindungen zu geben / Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“
„Und am Feuer in der Wildnis kam mir die Idee ein ‚Café Weltgeist‘ zu gründen, als lebendigen Ort der Zusammenkunft für ‚Magical People‘ mit Glanz in den Augen, die Träume leben und Geschichten zu teilen haben. Ein Ort, an dem alle Musik gespielt und -gefeiert wird, Kunst aus aller Welt, gleichsam ein Lernort für Kinder und Jugendliche, der Hilfe, Inspiration und Sprungbrett ist für ihren eigenen, reichen Lebensweg, raus aus ‚Brave New World‘ und ‚1984‘.“
Mit dieser Vision kehrt Eric nach 10 Monaten Lehrzeit bei Tubulls nach Deutschland zurück. Seinem Studium kann er nichts mehr abgewinnen, und die Aussicht, lebenslang als Lehrer in einer Schule zu versauern, schreckt ihn ab. Zwar beendet er sein Studium, zieht aber bald mit seiner Freundin Jenny in eine Landkommune bei Bremen, wo bald Leo zur Welt kommt.
Vor ihrem gemeinsamen Sprung nach Berlin treffe ich Eric erstmals auf der EXPO. Bei seinen Streifzügen über das EXPO-Gelände fällt ihm ein Mann auf: Es sind die Augen, die ihn ansprechen. Das hat er bei Tubulls gelernt, auf die Augen der Menschen zu achten. Der fragt ihn, warum er ihn so anschaue und was er denn so mache. Eric erzählt von sich und seinen Ideen, und Heiner Benking meint spontan: „Komm mal mit in den UN-Pavillon,“ und führt ihn dort in seine virtuelle Welt ein, die aber auf eine reale verweist. Heiner zeigt ihm, dass Menschen überall schon angefangen haben, eine neue Welt aufzubauen. „Unglaublich! Das muss doch unters Volk, in die Schulen!“ entfährt es Eric angesichts all dieser Initiativen zu Frieden und nachhaltiger Entwicklung. Heiner führt ihn zu Joy Lohmann, der in Hannover auf einem Recyclingfloß positive Projekte aus aller Welt präsentiert. Kaum ist die EXPO vorüber, planen die beiden eine „future-raft tour 21“ von Hannover nach Berlin, bei der 2002 Jugendliche auf Schatzsuche gehen, nach Ideen und Innovationen für eine positive Zukunft.
Von nun an sprudelt Eric nur so von Ideen: Er studiert „Best-Practise“-Datenbanken im Internet, entdeckt demokratische Schulen, stößt auf unzählige -Menschen, die schon auf dem Weg sind in eine andere Welt. Virtuelle Welten inspirieren ihn zum Entwurf neuer Lern-umgebungen. Die Idee für die „World Future School Online LearnScape“ und das Magazin PNYV sind geboren. Geld hat er keines, und so beschließt er, sich die Fähigkeiten zum Aufbau einer Internetumgebung selbst anzueignen und findet Gleichgesinnte und junge Volontäre auf der ganzen Welt, die ihn unterstützen.
Das eigene Reh jagen
Doch nach sieben Jahren meist unentgeltlicher Entwicklung von Pilotprojekten, so gesteht er mir, sei er etwas aus der Puste. Deshalb gönnt er sich jetzt eine Auszeit: „Ich besinne mich auf das gute Leben. Statt Internet, Konferenzen und Texteschreiben befasse ich mich wieder mehr mit Freunden, Natur, Musik und Malerei mit meinem Sohn.“ Doch in der nächsten E-mail schreibt er schon: „Ich entwickle jetzt mein Reisebüro für tribal and rural community-visits und Volontariate.“ Diese Idee treibt ihn schon lange um, da er an sich selbst erlebt hat, wie wichtig es für Menschen ist, zu sehen, wie andere Menschen leben und von welchem Geist sie bewegt werden. Denn jede Kultur – auch in Afrika, Indien und Australien – ist Teil des großen Ganzen, des Weltgeists. Dieses neue Projekt soll helfen, „bei jungen Menschen Träume zu nähren und Seelen aufsteigen zu lassen.“ Last not least soll es seinen eigenen Lebensunterhalt generieren, denn er will nicht mehr von Fördertöpfen abhängig sein, sondern die Idee einer unternehmerischen Schule umsetzen, die sein Uncle Tubulls ihm mitgegeben hat, nämlich – „mein eigenes Reh zu jagen.“ ´
Infos: www.pnyv.org, www.cafeweltgeist.org, www.worldfutureschool.org
Farah Lenser ist Sozialwissenschaftlerin und freischaffende Journalistin. Ihr Schwerpunkt als Moderatorin ist die Wiederbelebung der Gesprächskultur. Kontakt: www.farah-lenser.de
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