Ansätze zu einer lebensdienlichen Ökonomie im Anarchismus.
Der bekannte Autor Horst Stowasser erzählt von den anarchistischen Visionen einer lebensdienlichen Ökonomie, von den Strategien, die diese Bewegung erdacht hat, um dem großen Ziel einer Wirtschaft ohne Geld näherzukommen. Interessant ist dabei, wie stimmig sich manche dieser zum Teil 160 Jahre alten Ideen in die aufkeimende Diskussion zeitgemäßer Schenkökonomie-Modelle fügt. Dank der Erfahrungen aus diversen anarchistischen Experimenten können wir zudem ein besseres Gefühl für die Realisierbarkeit einer geldlosen Utopie bekommen, die die libertäre Bewegung schlicht „Solidarische Ökonomie“ nennt.
Alle Jahre wieder gibt es Studien amerikanischer und europäischer Universitäten, die ausrechnen, wieviele Arbeitsstunden der Mensch bei einer konsequenten Bedürfnisproduktion noch leisten müsste, um den Bedarf aller Menschen der Erde zu befriedigen. Zur Zeit liegen diese Zahlen zwischen drei und fünf Stunden täglich, manche Anarchisten kommen sogar auf die phantastische Vision einer Fünf-Stunden-Woche … Wie dem auch sei, die Welternährungsexperten der Vereinten Nationen sind sich darin einig, dass allein der weltweite Wegfall der Rüstung genügend Kräfte und Mittel freisetzen würde, um mit dem Hunger in der Welt sofort Schluss zu machen.
Warum aber tut man es dann nicht? Die Antwort ist einfach: Wegen des Geldes. Es lohnt sich nicht, den Hunger zu besiegen, und deshalb ist es unvernünftig. Die hungernden Menschen stellen keinen „Markt“ dar: Sie sind zu arm, um zu bezahlen. Rüstung hingegen ist ein vernünftiges Geschäft, und der Supercoup, von dem jeder Rüstungsmanager träumt, ist der Krieg, weil sich dabei nämlich die teuren Waffensysteme selbst vernichten, so dass sie wieder neu gekauft werden müssen.
Geld ist die „flüssige“ Form des Kapitals und mithin das charakteristische Merkmal kapitalistischer Ökonomie. Es ist die genialste Erfindung zur Aufrechterhaltung von Reichtum und Armut, von Hoffnung und Ungerechtigkeit. In einer anarchistischen Gesellschaft soll es – zumindest in seiner jetzigen Form – verschwinden.
Warum eigentlich? Viele Menschen meinen, Geld sei eine sehr praktische Einrichtung, verhindert es doch erfolgreich, dass wir mit einer Gans unterm Arm herumlaufen müssen, um sie etwa gegen fünfeinhalb Brote und ein paar neue Sandalen einzutauschen. Geld sei ein Tauschäquivalent, das den Gegenwert von Arbeit, Leistung oder Waren repräsentiere. „Geld ist geronnene Arbeit“ behaupten einige Ökonomen. Schön, wenn es so wäre. Dann wäre in einer Gesellschaft, die nach wie vor auf dem Prinzip des Tausches basiert, ein solches Geld durchaus vernünftig. Leider aber ist Geld eben mehr als nur ein Warenersatz. Es hat in den fünftausend Jahren, seit es von den Sumerern erfunden wurde, unerhörte Eigenschaften entwickelt, die absolut nichts mit Tausch zu tun haben. So kann sich Geld wundersamerweise ohne eigenes Zutun vermehren, und je mehr Geld jemand hat, desto leichter bekommt er noch mehr, ohne dafür arbeiten zu müssen. Geld kann man im Gegensatz zu Waren unbegrenzt aufbewahren und horten; man kann damit erpressen, spekulieren, es knapp halten oder massenhaft in Umlauf bringen und damit gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Reaktionen hervorrufen, die nicht das Geringste mit dem Austausch von Leistungen oder Waren zu tun haben. Mit ihm kann man Menschen und Meinungen kaufen, Krisen und Kriege provozieren. Es ist ein abstrakter Wert, der weit mehr kann, als alle Gänse, Brote und Sandalen der Welt zusammen. Mit einem Wort: Geld kann sich in einer kapitalistischen Wirtschaft verselbständigen. Genau das ist seine Funktion in der modernen Wirtschaft. –Kein Wunder, dass Anarchisten das Geld abschaffen wollen.
Geld ganz abschaffen?
Wäre es aber nicht ganz praktisch, irgendein anderes Tauschäquivalent zu haben, das nicht die negativen Eigenschaften des Geldes besäße? Die Antwort hängt davon ab, ob in der angestrebten Gesellschaft nach wie vor getauscht werden soll oder ob alles allen frei zur Verfügung steht. Was die Anarchisten angeht, so gingen die Meinungen hierüber schon sehr früh auseinander.
Der anarchistische Theoretiker und praktische Revolutionär Michail Bakunin (1814–1876) hielt einen ziemlich direkten Tausch für nötig, da nicht unbegrenzt Waren zur Verfügung stünden und erst geleistete Arbeit das Recht auf Konsum begründe. In seinem System des „kollektivistischen Anarchismus“ ging er davon aus, dass jeder, der von der Gesellschaft nehmen will, der Gesellschaft auch geben müsse – sonst würde am Ende niemand mehr arbeiten. Er fordert, vereinfacht gesagt: „Jedem nach seiner Leistung.“ In diesem System wäre kein Platz für Leute, die auf Kosten anderer leben, ausgenommen Kinder, Alte, Kranke und Schwache.
Pjotr Kropotkin (1842–1921) entwickelte eine weit kühnere und modernere Vision der libertären Gesellschaft, den „kommunistischen Anarchismus“. Er geht davon aus, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat und dass die Gesellschaft auch den ernähren muss, der nicht arbeitet. Seine Devise lautet, ebenfalls vereinfacht: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ Angesichts des technischen Fortschritts und der Chance, körperlich schwere Arbeit zunehmend von Maschinen verrichten zu lassen, schätzte Kropotkin die Möglichkeit der Warenproduktion einer vom Kapitalismus befreiten Gesellschaft sehr hoch ein.
Die Frage, ob Bakunin nicht eher der Realist und Kropotkin ein zu großer Optimist gewesen sei, hat seither immer wieder die Gemüter erhitzt. Tatsächlich haben Anarchisten aber unabhängig von dieser theoretischen Auseinandersetzung immer wieder auch praktische Ansätze und Modelle entwickelt, in denen beide Varianten auftauchten. Wir können sie hier nicht im einzelnen vorstellen, aber es gab sowohl völlig geldlose Experimente von Solidargemeinschaften als auch Theorien und Experimente für eine andere Art von Geld. Man probierte es mit Arbeitsgutscheinen, Tauschbons oder Warencoupons, die mit Erfolg in Kooperativen, Kommunen oder Gewerkschaften eingesetzt wurden. Sie alle waren nur als Tauschäquivalente zu gebrauchen; es machte keinen Sinn, sie zu horten, man konnte mit ihnen nicht spekulieren, und Zinsen brachten sie auch keine. Natürlich waren sie außerhalb der engen Grenzen solcher sozialen Experimente nichts wert – da gab es nach wie vor die staatliche Währung, und viele Bedürfnisse mussten dort befriedigt werden. Aber auch für solche Mischformen wurden Lösungen entwickelt, die beim Übergang von einer kapitalistischen in eine anarchistische Wirtschaft helfen sollten.
Libertäre Vorläufer des Regiogelds
Der große Pionier libertärer Ökonomie war – lange vor Bakunin und Kropotkin – Pierre-Joseph Proudhon. Ihm verdanken wir neben umfangreichen Schriften zur anarchistischen Wirtschaftstheorie auch ein sehr frühes Experiment, das als Übergangsform innerhalb des Kapitalismus gestartet wurde. Seine 1848 initiierte Tauschbank sollte insbesondere Arbeitern und Genossenschaften die Möglichkeit geben, gegen bei einer Tauschbörse einzubringende Sachwerte zinslose „Umlaufmittel“ in Form von „Tauschnoten“ zu erhalten, die von allen Mitgliedern anstelle von Geld akzeptiert werden mussten. Auch Kredite waren vorgesehen, und das Experiment zielte darauf ab, Projekte der Arbeiter unabhängig vom Kapitalmarkt zu finanzieren. Wie so viele libertäre Versuche, wurde die Tauschbank kriminalisiert: Das Experiment endete damit, dass Proudhon ins Gefängnis wanderte …
Eine andere Idee, die bei Anarchisten früh populär war, ist die sogenannte Freigeldtheorie des Deutsch-Argentiniers Silvio Gesell (1862–1930), in dem viele den Erben der Lehren Proudhons sehen. Gesells Modell eines nicht hortbaren Schwundgeldes mit negativem Zins (Demurrage) wird in den letzten Jahren in den allermeisten Regionalgeldexperimenten wieder aufgegriffen. Die Anarchisten zu Gesells Lebzeiten sahen den Vorteil, der darin liegt, dass dieses Modell schon angewandt werden könnte, solange eine Gesellschaft noch nach den Prinzipien des Geldverkehrs funktioniert. Es wäre aber imstande, dem Geld sofort einige seiner schlimmsten „Nebenwirkungen“ zu nehmen und könnte schließlich in dem Maß, wie sich ein System der Solidarwirtschaft durchsetzt, abgeschafft werden.
Wie die meisten libertären Experimente fand auch die praktische Erprobung des Freigeldes unter ungünstigen Vorzeichen statt. Auf Anregung Gustav Landauers, der enge Verbindung zu Gesell hatte, wurde er als Finanzminister in die Münchner Räterepublik von 1919 berufen, aber bevor das bereits gedruckte Schwundgeld in Umlauf gebracht werden konnte, wurde die Revolution niedergeschlagen und Landauer ermordet. Später erlebte Gesells Idee noch zweimal die praktisch Erprobung: 1932/35 im österreichischen Wörgl, wo es mit großem Erfolg offizielle Währung wurde und 1961/62 im brasilianischen Porto Alegre, wo es in Zusammenarbeit mit Genossenschaften, Banken und Supermärkten als Parallelwährung zirkulierte. Beide Versuche wurden nach kurzer Zeit vom Staat, der auf sein Geldmonopol pochte, verboten – in Österreich bezeichnenderweise, nachdem immer mehr Städte und zuletzt die Gemeinde Wien das Freigeld einführen wollten.
Während Gesells „Schwundgeld“ noch umständlich auf Papiercoupons gedruckt wurde, von dem monatlich ein Stück abgeschnitten werden musste, eröffnen die Möglichkeiten moderner Computervernetzung viel weitreichendere Perspektiven beim Übergang von der Tausch- zur Solidarwirtschaft. Manche Anarchisten sehen beispielsweise in den sogenannten Barter-Clubs ein modernes Modell, in dem die Ideen Proudhons, Kropotkins oder Gesells ungeahnte Anwendungsmöglichkeiten finden könnten. Diese Vereinigungen, die sich vor allem in den USA großer Beliebtheit als Mittel eleganter Steuerhinterziehung erfreuen, bieten in einem Computernetz Waren und Dienstleistungen an, die jeder Teilnehmer in Anspruch nehmen darf. Sie können aber nicht gekauft werden. Je nach der Absicht der Betreiber könnte es ein reines Tauschsystem sein, man könnte sich eine imaginäre „Verrechnungseinheit“ als Alternativwährung schaffen, Kredite einräumen oder auch ein freies Solidarsystem installieren, in dem jeder gibt, was er kann, und nimmt, was er will. Jeder Teilnehmer kann jederzeit seinen „Kontostand“ von Geben und Nehmen abrufen, und alle anderen können wiederum kontrollieren, ob jemand etwa zuviel entnimmt und damit das System gefährdet. Alle Möglichkeiten anarchistischer Wirtschaftsethik sind in einem solchen System technisch angelegt, und es würde sich durchaus als Instrument eignen, um den heiklen Übergang von einer Tauschwirtschaft zu einer Solidarwirtschaft zu begleiten. Denn schließlich müssten Menschen auch erst einmal die tugendhafte Zurückhaltung, die Kropotkin ihnen netterweise zugesteht, in der alltäglichen Praxis trainieren …
Tauschen oder einfach ver-geben?
Belassen wir es bei diesen drei Beispielen in der Hoffnung, dass sie die Phantasie anzuregen vermochten und zeigen konnten, dass es neben der uns geläufigen Geldwirtschaft mehr als nur eine Alternative gibt. Wenden wir uns also zum Schluss noch einmal der Zukunft zu: der Frage, ob und wie eine ideale anarchistische Ökonomie funktionieren könnte.
Stehengeblieben waren wir bei dem Gegensatz zwischen Bakunin und Kropotkin, zu dem erfreulicherweise anzumerken ist, dass er sich in der Praxis bisher wohl eher als ein Streit um die Bärte dieser beiden Propheten entpuppte: In den wenigen großen anarchistischen Experimenten, die ganze Gesellschaften umfassten, hat sich nämlich gezeigt, dass sie sich in Wirklichkeit weniger widersprachen, als anzunehmen war. Das reale Leben brachte meist Mischformen hervor, bei denen sich, grob gesagt, herausstellte, dass im internationalen Wirtschaftsverkehr und in Großstädten Geld vorerst notwendig blieb, im Tauschverkehr zwischen Industriezweigen oder Gewerkschaftssektionen eine simple Verrechnungseinheit genügte, und in kleineren Zusammenhängen wie Dörfern, Belegschaften oder Stadtteilen auch reine Solidarwirtschaft funktionierte. Heute neigen wohl die meisten Anarchisten zu der Ansicht, dass Bakunins Modell am Beginn einer anarchistischen Umwälzung die nahliegendere Lösung ist, Kropotkins Vision hingegen das ethische und praktische Ziel anarchistischer Wirtschaft sein sollte. Gerade darum sind Modelle und Experimente, die Antworten auf die Frage nach den Übergängen geben, so wichtig. Übergänge von Kapitalismus zu Bakunin und von Bakunin zu Kropotkin, oder, anders ausgedrückt, von Geld zu Tausch und von Tausch zu Solidarität.
Nun erscheint uns, als Kindern dieser Gesellschaft und von ihr geprägt, die Idee eines Tausches sicherlich plausibler als die Idee einer Solidarwirtschaft. Kropotkin kommt uns gegenüber Bakunin eher wie ein etwas weltfremder Idealist vor. Ist das anarchistische Endziel, wo jeder gibt, was er kann, und nimmt, was er braucht, vielleicht nur Spinnerei?
Zunächst einmal muss gesagt werden, dass ja auch das Kropotkinsche Ideal ein Tausch ist. Nur wird in einer geldfreien Wirtschaft nicht aufgerechnet, nicht unmittelbar und direkt getauscht und nicht systematisch kontrolliert. Stattdessen wird alles in einen großen Topf geworfen, aus dem jeder nimmt, solange da ist, und in den jeder aus wohlverstandenem Eigeninteresse hineingibt, damit er nicht leer wird. Hierzu ein Beispiel:
Ein Bäcker produziert Brötchen, und ein Elektrotechniker baut Lichtanlagen. Der Techniker wird sich jeden Morgen beim Bäcker so viele Brötchen holen, wie er braucht. Sobald er beginnt, einen ganzen Sack abzuschleppen, wird der Bäcker protestieren. Einen ganzen Sack abzuschleppen, wäre aber sinnlos, denn Brötchen schimmeln, und zum Tauschen gegen andere Dinge taugen sie nicht, weil jeder andere Mensch ebenfalls Brötchen nehmen kann und der Elektrotechniker jeden anderen Gegenstand, sofern vorhanden, ebenfalls gratis mitnehmen könnte. Mehr zu nehmen, als man braucht, würde absurd, und das Horten von Gegenständen eine sinnlose Plage. Auch der Warenbesitz als Ausdruck einer Klassenzugehörigkeit, Luxus als Symbol für Status und Macht, würde in einer klassenlosen Gesellschaft seinen Sinn verlieren und zunehmend lächerlich wirken.
Nun muss der Elektrotechniker aber keinesfalls jeden Morgen beim Brötchenholen eine Lichtanlage oder ein Stück davon oder einen Trafo dalassen. Es wird nicht direkt getauscht. Hingegen kann der Bäcker, wenn seine Installation nicht mehr taugt, sich eine neue einbauen lassen, ohne dafür etwa mit einem Lastwagen voll Brötchen zu „bezahlen“. Es kann auch sein, dass der Bäcker niemals eine Lichtanlage braucht, aber trotzdem stehen Bäcker und Elektrotechniker in einem Tauschverhältnis miteinander, und zwar in einem indirekten: Der Bäcker beliefert das Reisebüro, wo der Techniker seinen Urlaub bucht, das wiederum von der Druckerei beliefert wird, in die der Techniker die gesamte Elektrik installiert hat … und tausend Verflechtungen mehr. Das ist nicht anders als heute auch und wäre auch für die Wirtschaftsbeziehungen von Großfirmen und ganzen Branchen denkbar – nur mit dem Unterschied, dass in der dezentralen Bedürfniswirtschaft sich im Vergleich zur kapitalistischen Geldwirtschaft die Ungerechtigkeiten des Reichtums und die ökologisch-sozialen Schäden minimierten.
Es handelt sich also auch bei Kropotkin um einen Tausch – Tausch auf Kredit im positiven Sinn des Worts, das vom lateinischen credere kommt, was „vertrauen“ oder „glauben“ heißt. Dieser „Kredit“ gilt zwischen allen Teilnehmern einer solchen Gemeinschaft gegenseitig. Jeder von ihnen hat ein Interesse daran, den Kredit nicht zu missbrauchen, damit seine Gemeinschaft und somit seine wirtschaftliche Existenz nicht gefährdet wird.
Die geldlose Solidar- und Bedürfniswirtschaft könnte die Menschen auch von einer Geißel der modernen Volkswirtschaft befreien: dem Arbeitsplatzargument. Der größte Unsinn und die schlimmste moralische Verwerflichkeit werden heute mit dem Vorhalt gerechtfertigt: „Aber das schafft doch Arbeitsplätze!“ In Debatten über Wirtschaft ist es das mit Abstand beliebteste Totschlagargument, mit dem sich alles rechtfertigen lässt. Konsequente Ökonomisten müssten mit ihm eigentlich die Schließung der Konzentrationslager 1945 bedauern – schließlich wurden dort Arbeitsplätze vernichtet …!
Das Arbeitsplatzargument verliert in einer Solidarwirtschaft aber jeden Sinn. Ein „Arbeitsplatz“ an sich ist ja ein inhaltsleerer Blödsinn. Er ist nur deshalb so wichtig, weil damit das Recht auf Verdienst = Leben gekoppelt ist. Eigentlich bedeutsam ist ja nicht der Arbeitsplatz, sondern die Arbeit, das Produkt. Diese können sinnvoll oder sinnlos sein. In der Solidarwirtschaft aber müsste nichts mehr um seiner selbst oder um des Profits wegen hergestellt werden. Es ist nicht einzusehen, warum beispielsweise Militärs, die eine gesellschaftlich sinnlose Tätigkeit verrichten, nicht sinnvolle Arbeiten übernehmen könnten. In einer Übergangsphase könnte man sie dafür ja durchaus genauso entlohnen wie zuvor, aber immerhin fielen die Kosten für die Waffensysteme sofort weg; das ist lediglich eine Frage der richtigen Umbaumodelle. Irgendeine Arbeit aber, die niemand braucht, nur deshalb zu verrichten, weil ich zum Leben einen Arbeitsplatz brauche – das ist schon eine ziemlich merkwürdige Idee. Und da es am Ende für derart viele Menschen gar nicht mehr genug Sinnvolles zu tun gäbe, dürfte der Mensch getrost etwas langsamer treten und weniger arbeiten – ohne deshalb wirtschaftliche Nachteile befürchten zu müssen.
Faule Menschen und eklige Arbeit
Bleiben wir noch einen Augenblick bei der Theorie einer anarchistischen Idealgesellschaft: Dort sollen nach Kropotkin diejenigen, die sich an diesem „indirekten Tausch“ nicht beteiligen, nicht dem Hungertod überlassen werden. Auch Menschen, die den Kredit missachten indem sie beispielsweise nicht arbeiten, sollen das Recht haben, zu nehmen. Das kommt vielen von uns absurd vor, dabei ist es gar nicht so ungewöhnlich. Das kann sich sogar unser Wirtschaftssystem leisten, obwohl es soviel Kraft verschwendet und soviel Überflüssiges produziert. Schließlich zahlt es Sozialhilfe, ohne daran zu zerbrechen. Mehr noch: Wir ernähren heute – was gerne vergessen wird – zigtausende von Parasiten mit, die nicht nur nichts herstellen, sondern überdies auch noch superreich sind: die Kapitaleigner mit ihrem arbeitslosen Einkommen. Trotzdem geht unser System daran nicht zugrunde …
Ob sie tatsächlich funktionieren würde, hängt von zwei Fragen ab: Wieviele Menschen werden sich tatsächlich weigern, zu arbeiten und etwas in den Topf zu geben? Und: Kann eine gut organisierte Wirtschaft in einer freiheitlichen Gesellschaft genügend Leistung erbringen, um alle Menschen – auch die „Faulenzer“ – zu versorgen?
Gewiss können wir über beide nur spekulieren, aber Spekulation kann durchaus fundiert sein. Was die zweite Frage angeht, so sehen wir, dass moderne Wirtschaftsstudien genau in diese Richtung weisen: Es scheint heute unter seriösen Soziologen, Politologen und sogar vorausdenkenden Ökonomen keine Frage zu sein, dass eine Bedarfsproduktion allen Menschen Nahrung und Wohlstand bieten könnte. Allerdings halten sie ihre Verwirklichung angesichts der tatsächlichen Machtstrukturen und Kapitalinteressen für eine Utopie und machen zu Recht den Vorbehalt geltend, dass das ungebremste Bevölkerungswachstum solche Hoffnungen jederzeit durchkreuzen könnte. Manche Anarchisten sind da optimistischer: Der bekannte amerikanische Ökologe Murray Bookchin geht in seinen Schriften von einem „Anarchismus der Nach-Mangelgesellschaft“ aus. Mangel, wie wir ihn heute kennen, sei ein künstlicher Zustand, der in unserem Wirtschaftssystem begründet liege. Bookchin zweifelt nicht daran, dass – auch in ökologisch verträglicher Form – mehr erzeugt und besser verteilt werden könnte als dies heute der Fall ist.
Auch der Rückblick auf historische Erfahrungen kann bei der Beantwortung dieser Frage helfen. Wie produktiv war beispielsweise die libertäre Mischwirtschaft während der spanischen Revolution? Zum großen Erstaunen besonders der Wirtschaftstheoretiker geschah 1936 in den befreiten Gebieten etwas, was es nach allen Gesetzen der Ökonomie gar nicht hätte geben dürfen: Bei gleichzeitiger Lohnerhöhung, Reduzierung der Arbeitszeit und Verbesserung sozialer Leistungen wurde die Produktion gesteigert. Und das, obwohl „nebenbei“ noch ein Krieg geführt werden musste, also denkbar ungünstige Bedingungen herrschten. Kein verantwortungsvoller Mensch wird allein aus einem so kurzen Experiment Rückschlüsse für eine künftige Gesellschaft ziehen wollen. Ohne Frage spielte die große Anfangseuphorie eine Rolle, und wir wissen nicht, wie sich diese Wirtschaft in zehn oder zwanzig Jahren entwickelt hätte. Tatsache ist aber, dass nicht die Wirtschaft scheiterte, sondern die Politik: Das Experiment wurde zunächst durch zahllose Schikanen der republikanischen Regierungen torpediert und schließlich vom siegreichen Faschismus zerschlagen.
Die Gründe, die in Spanien ein solches „anarchistisches Wirtschaftswunder“ ermöglichten, führen uns zur Beantwortung jener anderen Frage: Wieviele Menschen würden sich für die Gesellschaft engagieren, und wieviele würden sich ihr verweigern?
Offenbar spielt die Motivation der Menschen hierbei eine wichtige Rolle. Engagement hängt entscheidend von der Identifikation ab, die jeder Mensch mit seiner Gesellschaft und daher mit seiner Arbeit hat. Der Begriff der Motivation spielt heute in den meisten ökonomischen Theorien von Markt und Arbeit eine untergeordnete Rolle. Kluge Ausbeuter wie IBM haben das erkannt, Betonköpfe wie die DDR-Ökonomen haben das ignoriert, bis ihr System zusammenbrach. In der spanischen Revolution war das Gros der Industrie- und Landarbeiter hochmotiviert. Sie wussten, dass sie etwas für sich taten und dass ihr Versuch nur in einer solidarischen Gemeinschaft funktionieren konnte.
Trotzdem gibt es faule Menschen und unangenehme Arbeit, die niemand tun will. Was ist damit?
Die optimistische Annahme der Anarchisten, dass sich in einer libertären Gesellschaft relativ wenig Menschen jeglicher Arbeit verweigern, fußt auf mehreren Überlegungen. Zuallererst glauben sie nicht, dass konsequentes Nichtstun angenehm ist. Der Mensch ist in der Regel ein aktives Geschöpf, das sich betätigen will. Wirklich nichts im Leben zu schaffen ist für die meisten Menschen kein Ideal – im Gegenteil: Es wäre eine solch grässliche Langeweile und nervtötende Öde, dass diese Vorstellung eher erschreckend als verlockend wirkt. Rentner, die von einem Tag auf den anderen zur Untätigkeit verdammt werden, erleben diesen Zustand ebenso bedrückend wie Häftlinge, denen die Arbeit in der Gefängniswerkstatt verweigert wird. Selbst junge Menschen, die plötzlich ihren Arbeitsplatz verlieren, leiden darunter, obwohl sie durch Arbeitslosengeld finanziell leidlich versorgt bleiben. Und das alles, obwohl Arbeit heutzutage alles andere als angenehm und menschlich organisiert ist!
Entstehende Freizeit sinnvoll nutzen
Es ist eben eine ganz andere Frage, ob die Arbeit, die wir heute zu verrichten gezwungen sind, gerne getan wird. Vor allem anderen müssen wir arbeiten, um Geld zu verdienen und also leben zu dürfen. In den wenigsten Fällen ist unsere Arbeit angenehm, daher wird sie in den meisten Fällen ungern getan. Zudem halten Anarchisten die kapitalistische Arbeit für entfremdet. Der Grad der Entfremdung soll in einer libertären Wirtschaft durch vielfältige Änderungen im Arbeitsablauf entscheidend reduziert werden. Alle Überlegungen hierzu laufen auf eine Verringerung der Arbeitsteilung hinaus und auf eine engere Verbindung zwischen dem Menschen und seinem Produkt. Die Arbeitszeit in einer dezentralen Bedürfnisproduktion könnte auf Dauer drastisch gekürzt werden. Es macht für viele Menschen einen großen Unterschied, ob sie vier oder acht Stunden arbeiten müssen – nicht ohne Grund ist Teilzeitarbeit so beliebt. Schließlich darf nicht vergessen werden, dass die lebendige und bunte soziale Umwelt, die eine anarchistische Umwälzung vermutlich mit sich brächte, natürlich besonders geeignet wäre, die so entstehende Freizeit zu füllen. Würden wir hier und heute die Arbeitszeit auf vier Stunden reduzieren, brächte das für viele Menschen sicherlich erhebliche „Freizeitprobleme“ mit sich, die eher zu einem Anwachsen von sozialem Fehlverhalten, dumpfem Konsum, Alkoholverbrauch oder Fernsehmanie führen würde. ♠
Dieser Beitrag ist Horst Stowassers Buch „Anarchie!“ entnommen, das bald nach seiner Veröffentlichung im März 2007 an der Spitze der gemeinsamen Sachbuchbestenliste von Süddeutscher Zeitung und Norddeutschem Rundfunk stand. (Edition Nautilus, Hamburg 2007, 501 Seiten, ISBN 978-3894015374, 24,90 Euro) Mehr über und von Horst Stowasser unter http://www.Mama-Anarchija.net.
Horst Stowasser ist Archivar der globalen anarchistischen Bewegung. Gegenwärtig baut er in Neustadt an der Weinstraße ein vielbeachtetes, libertär geprägtes Mehrgenerationen-Wohnprojekt auf (siehe seinen Beitrag in KursKontakte Nr. 153).
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