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erschienen in Ausgabe 161  PDF-Version (167.38 KB)
Margrit Kennedy, Heide Göttner-Abendroth und Johannes Heimrath denken

Im Dezember 2008 trafen sich im Lebensgarten Steyerberg Margrit Kennedy, Heide-Göttner-Abendroth und Johannes Heimrath, um einen ganzen Tag dem gemeinsamen Nachdenken über die auf den ersten Blick so utopisch wirkende, aber doch omnipräsente Ökonomie des Schenkens zu widmen. Der folgende Gesprächs­auszug ist ein erstes Ergebnis dieser auch filmisch dokumentierten, produktiven Zusammenkunft. Weitere Veröffentlichungen als Film und in Buchform werden in den nächsten Monaten folgen.



Johannes Heimrath: Bereits im Jahr 2006 saßen wir in dieser Konstellation auf einer Tagung zusammen und haben über ein neues Verständnis von Arbeit, Geld und Sozialstruktur nachgedacht. Damals war noch nicht abzusehen, dass das Finanzsystem einen so großen Zusammenbruch erleiden würde. Unsere Themen waren 2006 noch völlig exotisch, heute ist viel mehr Offenheit in der Bevölkerung da, Wirtschaft anders zu denken.

Margrit Kennedy: Mich fasziniert immer, dass die Globalisierung erst durch Geld möglich war, doch gleichzeitig hat sie zu der Einsicht geführt, dass wir wieder kleinere Wirtschaftsräume brauchen, weil wir sehen, dass das einseitige Verständnis von Kultur und Wirtschaft mit seinem „größer ist besser“, das sich über den Globus ausbreitet, viel Leid im lokalen Bereich mit sich bringt. Heute wird vielen Menschen klar: Wenn sich die Gier nach immer mehr Geld und immer größeren Gewinnen wie ein Krebs über den Globus ausbreitet, müssen wir erst wieder das Kleinteilige schätzen lernen. Mir geht es jetzt darum, beides zusammenzubringen, dass wir einerseits -, Dank unserer Kommunikationstechnologie – das Gefühl haben können, zu einem „Menschheitskörper“ zu gehören, der sich über die ganze Erde hinweg gebildet hat, und zugleich die eigene Region zu spüren und zu stärken. Ich arbeite heute beispielsweise mit einem globalen Netzwerk von Partnern, die alle auf vielfältige Art und Weise regionale Probleme lösen möchten.

Heide Göttner-Abendroth: Ich würde unsere Diskussion gerne mit der Frage nach dem Wesen des Geldes, wie es heute international kursiert, beginnen. Margrit hat es als Krebsgeschwür bezeichnet. Für mich ist es wichtig, klarzustellen: Niemand lebt vom Geld, obwohl das Millionen Menschen glauben. Stattdessen leben wir von den Lebens-Mitteln, die von der Erde kommen, und wir leben durch gute Beziehungen und Gemeinschaft. Das sind Qualitäten, die durch die Mütter ins Leben jedes Einzelnen treten. Die Natur und die Mütter schenken das, was das Leben ermöglicht, deshalb spreche ich von einer „Ökonomie des Schenkens“. Noch niemand hat der Natur Geld für ihre Geschenke gegeben. Ich darf es mal metaphorisch sagen – diese Geschenke kommen von der Mutter Erde. Und des weiteren stammen die Geschenke, die in unserer Gesellschaft kursieren, wesentlich aus der Arbeit der Frauen. Sie schenken Leben und arbeiten 20 Jahre lang, bis das Wesen, dem sie das Leben geschenkt haben, groß geworden ist. Laut einem UNO-Bericht werden zwei Drittel der Arbeit auf der Erde von den Frauen geleistet, das meiste davon unentgeltlich. Das ist ein riesiger Bereich des Schenkens, deshalb existiert die Ökonomie des Schenkens bereits, wir leben beständig darin. Darüber hinaus existiert ein reicher Strom von Geschenken von Menschen, die in großen Wirtschaftsbetrieben arbeiten und den Mehrwert ihrer Arbeit nicht erhalten, sondern weitergeben. Ihr Strom an Geschenken fließt von unten zu ein paar wenigen Menschen, die an der Spitze der Gesellschaft stehen. Deshalb ist die heutige Ökonomie eine parasitäre Ökonomie, die diese Geschenke absaugt, sie zu erzwungenen Geschenken macht und großes Interesse daran hat, die riesige Schenk­ökonomie unsichtbar zu machen. Alle, die idealistisch arbeiten, bereiten Geschenke, die unsere Gesellschaft ernähren und erhalten Wenn wir diese Perspektive einnehmen, kommen wir der Schenkökonomie auf die Spur.

Margrit Kennedy: Das möchte ich gerne mit Zahlen unterfüttern. Das statistische Bundesamt hat einen Vergleich angestellt zwischen der offiziellen Statistik, die aussagt, was Frauen an Arbeit, die in der Leistung der Kindererziehung stecken. Jedes Jahr leisten Frauen soviel wie die gesamte deutsche Industrie ohne den Bausektor.
Ich finde die Forderung, Frauen oder Männer für ihre Arbeit bei der Kindererziehung zu bezahlen, problematisch, da bietet aus meiner Sicht das bedingungslose Grundeinkommen eine bessere Lösung …

Heide Göttner-Abendroth: Ich kenne auch die Argumente in bestimmten Kreisen der Frauenbewegung, in denen Geld für Hausarbeit gefordert wird. Das könnte durchaus ein kleiner, sinnvoller Zwischenschritt sein, aber solche Schritte bleiben systemimmanent und in alten Strukturen verfangen, wenn sie nicht von der Vision einer anderen Gesellschaft getragen sind. Steht jedoch diese Vision bewusst im Vordergrund, kann jeder Schritt dazu dienen, sie Wirklichkeit werden zu lassen.
Die Ökonomie des Schenkens ist nicht einmal „nur“ eine Vision, sie ist bereits Praxis. Sie wird auf der ganzen Welt als lebensfördernde Arbeit in Grundzügen ähnlich praktiziert. Die gesamte globalisierte Geld- und Marktwirtschaft lebt davon. Die Ökonomie des Schenkens ist auch nichts Lokales oder nur auf die Frauen Bezogenes. Wenn wir uns das bewusst machen, erkennen wir ein neues Paradigma von Gesellschaft, in dem ein neues Paradigma von Ökonomie eine entscheidende Rolle spielen wird. Das neue lässt kritisch analysierend das alte Paradigma hinter sich, versucht den Dingen, wie sie heute sind, an die Wurzel zu gehen.

Margrit Kennedy: Was wir im Moment erleben, ist ja nicht nur eine kleine Krise, sondern eine tief greifende Erschütterung unseres Geldssystems. Wenn man sieht, wie die Banken mit staatlichen Geschenken gerettet werden, erleben wir Zwangsgeschenke des Steuerzahlers, um dem System das Überleben ermöglichen. Politiker und Banker konzentrieren sich auf bessere Kontrollen, um die Auswüchse des Systems zu begrenzen, stellen es selbst aber nicht in Frage. Wir werden eine harte Lernerfahrung machen müssen, wie hart, das hängt davon ab, wie schnell wir die wirklich fundamentalen und systemimmanenten Dinge ändern können.

Johannes Heimrath: Die sogenannten Rettungspakete kommen mir vor wie kleine Bollwerke zur Lawinen­abwehr an einem steilen Berghang. Jeder weiß, dass die Schneemassen übermächtig sind und die Lawine eher früher als später losberechen wird. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen, mit denen wir in unseren globalen Netzwerken im Gespräch sind, nicht an der kleinen Lawinenabwehr bauen wollen, sondern sie arbeiten daran, wie man nach der Lawine das Dorf auf der anderen Seite des Tals wieder aufbauen kann.
Wie muss unser Denken sein, wenn das gelingen soll? Wie lernt eine Gesellschaft, mit Freiheiten umzugehen, welche Bildungsaufgabe steht uns bevor?

Margrit Kennedy: Ich habe den Eindruck, es geht vor allem um einen anderen Umgang mit Zeit. „Zeit ist Geld“ – das halte ich für Unsinn. Das, was Gott uns geschenkt hat, die Zeit – dürfen wir das vermarkten? Ich glaube, wir brauchen eine völlig neue Definition von Reichtum. Wer Geld hat, soll reich sein? Das ist der größte Unfug, mit dem wir durch unser gehetztes Leben ziehen. Wir sind herausgefordert, eine attraktive Zukunftsvision zu entwickeln. Sie kann einen neuen Umgang mit Zeit, eine neue Definition von Reichtum, einen neuen Umgang mit Politik, unseren gemeinschaftlichen Anliegen und Spiritualität umfassen.

Heide Göttner-Abendroth: Die Krise des alten Paradigmas ist eine Krise des kapitalistisch geprägten Patriarchats. Der Kapitalismus ist gerade erst 500 Jahre alt, patriarchale Strukturen sind nicht älter als 3000 bis 4000 Jahre. Patriarchale Gesellschaften sind so aufgebaut, dass die einen den anderen dienen müssen, sie basieren auf Hierarchie. Heute dient die unter der kapitalistischen Wirtschaft unsichtbar liegende Schenkökonomie den Herrschenden, der Macht und dem Reichtum in den Händen Weniger. In unserer Gesellschaft finden sich alle Werte, die zum Prinzip der Herrschaft gehören: Herrschaft nimmt, ohne zurückzugeben, entwickelt Strategien zur Herrschaftserhaltung und produziert Ideologien wie den heutigen Irrglauben, dass die Menschen von Arbeitsplätzen und Geld leben würden. Das ist für diesen Zusammenhang meine Analyse des Ist-Zustands, des kapitalistischen Patriarchats.
Zur Klärung kurz zwei Punkte, zunächst zum Begriff der Strategie: Heute kann man an unserem globalen Geldsystem sehen, dass Herrschaftswissen strategisches Denken ist, ebenso wie Kriege strategisches Denken verlangen. In gewisser Weise sind wir Zeugen eines organisierten Wirtschaftskriegs, der dem Krieg durch eine Militärmacht gleicht. Und zur Klärung des Begirffs „Patriarchat“: Es ist die Herrschaft weniger über alle anderen. Das hat nichts mit Männern versus Frauen zu tun, sondern es geht um ganze Gesellschaftsformen, eben der patriarchalen versus der matriarchalen Gesellschaftsformen, wobei die patriarchale Gesellschaftsform alle anderen beherrscht und ausbeutet.

Margrit Kennedy: Die Art und Weise, wie das Geldsystem uns ausbeutet, muss zunächst einmal mit dem Verstand begriffen werden. Wenn wir verstanden haben, dass das System nur auf exponentiellem Wachstum basiert, können wir auch körperlich spüren, dass es ungesund ist, denn exponentielles Wachstum ist nicht Teil unseres Zellwissens. Die Erfahrung des Schenkens aber wohl. Wir wünschen uns tief in unseren Herzen, anderen etwas zu schenken. Das muss gelebt werden können! Hier im Lebensgarten Steyerberg erfahre ich das seit 20 Jahren immer wieder. Dadurch entsteht eine neue Lebensqualität, von der ich heute sage: Das ist eigentlich das Normale.

Heide Göttner-Abendroth: Auf der Grundlage, dass Schenken eben eine normale menschliche Haltung ist, formuliert Genevieve Vaughan – als die Urheberin dieser Ideen – ihre Gedanken von der Ökonomie des Schenkens. Ein Kind kann das, was die Mutter schenkt – das Leben und viele Jahre der Pflege und Begleitung – nicht zurückgeben, und die Mutter erwartet das auch gar nicht. Aber wenn sie erwachsen sind, schenken die Kinder das Gleiche wiederum ihren Kindern. Wenn wir etwas aus freiem Herzen schenken, erwarten wir nicht, dass es zurückkommt. Das ist kein Tausch, der durch das Äquivalent Geld bestimmt werden kann, sondern das transitive Weiterreichen von Geschenken. So funktioniert nach Genevieve Vaughans Erkenntnissen das Paradigma des Schenkens. Deshalb formuliert sie den Ausstieg aus dem Tausch-Paradigma zum Paradigma des Schenkens als der natürlichen und allen anderen zugrunde liegenden Wirtschaftsweise. Die Geschenke der Mütter liegen obendrein nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der geistig-seelischen Ebene. Jede Mutter schenkt ihrem Kind die Sprache. In diesem Sinne schenken die kreativen Menschen der Gesellschaft unendlich viel durch Literatur, Kunst, Musik, Gestaltung oder Erfindungen. Nur wird das nicht als Geschenk wahrgenommen, sondern für die herrschende Ökonomie zählt nur, ob man mit etwas Geld machen kann.

Johannes Heimrath: Die Schwierigkeit heute besteht darin, das Selbstverständliche sichtbar zu machen. Als wir gestern nach Steyerberg kamen, hatte ich das gute Gefühl von Normalität: Genau so leben moderne Menschen sinnvoll zusammen! Jeder hat seinen eigenen Lebensraum und möchte zugleich zu etwas Größerem, Gemeinsamem beitragen, in dem jeder wertgeschätzt wird. Trotz dieser augenscheinlichen Normalität ist Steyerberg heute immer noch eine Insel, eine große Ausnahme. Wie finden wir also zu einer Kommunikationsfähigkeit, die verdeutlichen kann, warum diese Gemeinschaften und Nachbarschaften, die auf gegenseitiger Wertschätzung und dem Schenken basieren, das Normale und Natürliche sind? Es geht hier um etwas ganz Unspektakuläres.
Ich finde es zum Beispiel schwierig, dass ich ­meine Wertschätzung gegenüber einer Designleistung in unserer heutigen Gesellschaft kaum äußern kann. Nehmen wir die Teekanne auf diesem Tisch, ich schätze das Design dieser schönen Glaskanne. Jemand hat mir mit dieser Kanne etwas von seiner Gestaltungsfähigkeit geschenkt, und ich möchte gerne meine Wertschätzung an ihn weitergeben. Aber das geht nicht, denn die Kanne ist eine Ware. Hat man sie für Geld im Laden erworben, wird dieser Akt in der Regel vom Gefühl des Anspruchs, ein funktionstüchtiges Objekt zu erhalten, begleitet, nicht vom Gefühl des Beschenktseins. Es ist eine spannende Frage, warum die Wertschätzung gegenüber einer Sache verlorengeht, warum wir das ursprüngliche Geschenk desjenigen, der sie gestaltet hat, vergessen, sobald der Wert einer Sache in Geld bemessen wird.

Heide Göttner-Abendroth: Was passiert denn, wenn Geschenke zu Waren gemacht werden? Wenn ich ein Ding schenke, gebe ich mehr als das Ding, es ist eigentlich nur ein Symbol für alles, was ich an Emotionalem und Intellektuellem mitschenke. Als Waren werden die Geschenke zu toten Gegenständen, jedes emotionalen Werts entkleidet, sie werden mit einem Geldwert verglichen. Und das ist bereits ein Raub, denn das Ding ist mehr wert, als mit Geld beschrieben werden könnte. Gegenstände, Handlungen oder Dienstleistungen werden für den Tausch frisiert, ihrer ideellen Seite entkleidet und dann in der Reklame wieder mit einem emotionalen Pseudo-Wert versehen. Wenn man dann kauft, bekommt man nur ein totes Ding und wird betrogen.
Umso schlimmer, wenn dem Geld auch noch ein Wert zugemessen wird. Es wird so getan, als ob das Geld eine Ware ist, das man auch kaufen und verkaufen kann, und das einen Preis hat. Aber das stimmt nicht. Denn Geld ist nur ein abstraktes Äquivalent, aber keine kaufbare Ware. Mit dieser Täuschung setzen dann alle Probleme ein, die wir mit unserer völlig absurden, aufgeblasenen Geldökonomie haben – wie jetzt mit der „Bankenkrise“ zu erleben ist.

Margrit Kennedy: Weil wir alles als Ware betrachten, hängen die Ökonomen an ihren alten Theorien. Auch Geld ist für sie eine Ware, du zahlst etwas für Geld. Warum auch nicht? Oberflächlich betrachtet erscheint das sinnvoll. Erst wenn man tiefer gräbt, stößt man auf das Zins- und Zinseszinsphänomen, auf das exponentielle Wachstum und den Druck, der auf allen lastet, die einen Kredit mit Zins zurückzahlen müssen, die immer mehr produzieren müssen in der Spirale des „immer mehr und immer mehr“, die uns dazu geführt hat, wo wir heute sind. In Sekundenschnelle jagen heute Millionenbeträge um den Erdball, und was die Realwirtschaft aufbringen kann, ist viel zu wenig, um den Zins zu bedienen, da bleibt nur noch die Gewinnerzeugung in der Geldspekulation.
Das Verrückte ist, dass weder bei denen, die draufzahlen, noch bei den wenigen Profiteuren die Funktionsweise des Systems bekannt ist. Manchmal erhalte ich die Gelegenheit, mit jemand von den oberen Zehntausend zu sprechen und versuche, ihnen den Widersinn des Geldsystems zu erklären, aber dann winken viele ab und sagen, das sei alles so komplex, dass man es überhaupt nicht verstehen könne. Also lassen wir es weiter existieren. Es ist den meisten schon zur zweiten Natur geworden, wenn es um's Geld geht, den „Ich verstehe es einfach nicht“-Gang einzulegen. Dabei kann jeder offene Mensch in fünf Minuten verstehen, worum es geht.
Aber jetzt bricht – nach der Finanzsphäre – gerade die Wirtschaftssphäre zusammen. Und ich denke, dieser Zusammenbruch wird so viel kosten, dass die Letzten aufwachen werden und sich die Theorie und die Praxis verändern wird, während gleichzeitig viele Geldmythen enttarnt werden.
Das Buch „Gewaltmetall Gold“ von Paul C. Martin, zeigt beispielsweise, dass das Geld nicht etwa erfunden wurde, um den Tausch zu ermöglichen, sondern um Armeen zu bezahlen und ein bestimmtes Staatsmodell aufrecht zu erhalten. Heute sieht man dieses Prinzip an den USA. Der Rest der Welt erlaubt, dass dieses Land Papier bedruckt, kleine grüne Dollarscheine, mit denen es alles kaufen kann. Wir geben diesem Land die Macht, indem wir diesen absurden Raub zulassen.

Heide Göttner-Abendroth: Ich möchte nur daran erinnern, wie Europa seinen Vorsprung gegenüber der ganzen Welt entwickeln konnte: durch den weltweiten Kolonialismus, die Ausräuberung der Goldschätze der indigenen Völker und das Horten von Gold aus allen Kontinenten. Etwas Vergleichbares hat es früher nicht gegeben.

Margrit Kennedy: Doch Hortung von Gold und Geld gibt es seit Jahrtausenden durch die Entwicklung der Kriegsmaschinerie. Noch heute arbeitet mehr als die Hälfte aller Ingenieure für den Krieg, also für den Tod.

Johannes Heimrath: Ich möchte noch einmal auf Wert und Wertschätzung zurückkommen und auf unser Gespräch über die Entstehung von Geldwert. Ich denke gerade an eine neolithische Gesellschaft, z. B. in Irland im 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, als die drei großen Sonnentempel im Boyne-Valley entstanden sind. Das konnte nur eine arbeitsteilige Gesellschaft leisten, die neben Fladenbrot auch noch solche Kunstwerke herstellen konnte. Es ist nicht bekannt, dass dort in irgendeiner Form eine Entlohnung stattgefunden hat. Die Gesellschaft als Ganze war in der Lage, alle Menschen zu ernähren. Auch die, die Arbeit verrichtet haben, die nicht unmittelbar dem Nahrungserwerb diente. Wie findet denn hier die Wertschätzung statt, die nicht dem patriarchalen Modell entspricht?

Heide Göttner-Abendroth: In dieser Zeit existierte eine völlig andere gesellschaftliche Organisationsform, eben die matriarchale. Sie basierte auf Gesellschaften ohne Herrschaft und Hierarchie, in der die Mütter im Zentrum stehen, bzw. die Werte, die mit Mütterlichkeit verknüpft sind. Daraus folgt eine bestimmte soziale Ordnung, aus der eine Ökonomie in Kreisläufen des Schenkens hervorgeht. Alle Mitglieder eines Clans geben der Clanmutter oder Matriarchin alles, was sie erwirtschaften, seien es die Feldfrüchte oder Geld, und sie verteilt es an die Mitglieder des Clans als Geschenke von allen an alle.Dieses Prinzip wird nicht nur im Clan, sondern auch auf der Ebene einer Dorf- oder Stadtkultur angewendet. Dabei werden die Überschüsse aus gutem Wirtschaften in einer Festkultur der gesamten Dorfgemeinschaft geschenkt. Denn es gehört zur Ehre eines Clans, diejenigen Feste, für die er Verbindlichkeit übernommen hat, so reich wie möglich zu gestalten und sich schenkend zu verausgaben. Der Gegenwert ist Ehre, soziales Ansehen. Das klingt jetzt wie ein sozialökonomisches Muster, das nur auf der kleinen lokalen Ebene funktioniert, aber es wurde sogar auf der Ebene von Geschenke-Weitergeben und Kommunikation zwischen verschiedenen Stämmen in großräumigen Gebieten angewendet. Bei den Irokesen-Stämmen der berühmten Liga existierte beispielsweise eine weite Gebiete Nordamerikas umspannende Geschenke-Ökonomie. Oder man denke an den Kula-Ring, einen Schifffahrts-Ring, den mehrere Stämme in Melanesien organisiert hatten: Die ringförmige Schiffsroute umfasste viele Inseln über 2000 Seemeilen hinweg. und über dieses Netz mit gro­ßen Distanzen wurde Muschelschmuck als Geschenk ausgetauscht und Freundschaften gepflegt. Das sind zwei Beispiele aus matriarchalen Gesellschaften, wobei die ökonomischen Muster ohne eine Spitze, die alles rekrutiert und an sich reißt, funktionieren. Die Güter werden im Geschenke-Kreislauf weitergegeben, wobei das Schenken immer mit Liebeszuwendung verbunden ist.
Matriarchate waren und sind bedürfnisorientierte Gesellschaften, und ihre lange Stabilität durch die Kulturgeschichte zeigt, dass exponentielles Wachstum von Geld und Wirtschaft gar nicht zu den Grundbedürfnissen der Menschen zu gehören scheint. Hingegen gehören zu den menschlichen Grundbedürfnissen Sicherheit und Balance.

Johannes Heimrath: Gesellschaften, die über Jahrtausende hinweg solche Prinzipien nicht verraten haben, sind ganz schwer auf uns zu übertragen. Ich stelle mir gerade einen Wolkenkratzer vor: Ist so etwas als Gemeinschaftswerk vorstellbar? Versuchen wir mal, uns einen Wolkenkratzer zu denken, der auf Schenkökonomie basiert.

Heide Göttner-Abendroth: Wolkenkratzer sind spitz und hoch, diese Architektur entspricht symbolisch der Spitze der Hierarchie von patriarchalen Gesellschaften.
Deshalb sind sie ja auch Statussymbole von Banken, Konzernen und Machthabern.

Johannes Heimrath: Gibt es denn ein Bedürfnis des Menschheitskörpers nach Wolkenkratzern, oder gibt es ein Bedürfnis nach dieser ganz einfachen Normalität, wie wir sie hier in Steyerberg erfahren?

Margrit Kennedy: Viele Menschen, die uns besuchen, sagen: Ihr lebt eine Utopie. Aber stattdessen, finde ich, leben wir etwas ganz Normales. Ich glaube, dass wir nur durch Beispiele weiterkommen. Gemeinschaften und in der Praxis funktionierende Regionalwährungen sind gute Beispiele, die alle ermutigen. Wenn die Menschen im praktischen Tun begreifen, was wirklicher Reichtum ist, was wirkliche Beziehung ist, werden sie das in die Welt hinaustragen und bei anderen Denkprozesse auslösen, so dass sie verstehen, was denn tatsächlich die menschlichen Bedürfnisse sind.

Heide Göttner-Abendroth: Aber in diesem Stadium sind wir noch nicht angekommen, viele Menschen sagen heute noch: Mein Bedürfnis ist, viel Geld zu haben.
Johannes Heimrath: Haben wir denn ein echtes Bedürfnis nach einem Wolkenkratzer?

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Gesellschaften sind bedürfnisorientiert, sie machen eine biologische Grundtatsache, dass Frauen die Menschheit gebären, zu einem gesellschaftlichen Modell. Im Gegensatz dazu sind patriarchale Gesellschaften machtorientiert. Sie erfüllen nur die Bedürfnisse der herrschenden Elite. Über die Bedürfnisse der anderen wird hinweggegangen, sie werden fortgesetzt nicht erfüllt.Daraus entsteht dann Suchtverhalten, die Sucht nach Geld und Ware, erzeugt durch die psychische Verarmung, die das System mit sich bringt.
Die Bedürfnisse, die matriarchale Gesellschaften befriedigen, sind die Bedürfnisse nach Liebe, Anerkennung, Schutz und Kreativität. Eine Kultur der Beziehungen kann all das erfüllen. Und das ist nicht etwa „archaisch“, sondern diese Bedürfnisse sind elementar, sie sind immer da und werden bis zu einem gewissen Grad von den Müttern selbst in patriarchalen Gesellschaften erfüllt. Auch der Ausdruck von Spiritualität gehört zu den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen, ebenso der Wunsch, vielleicht ein fantastisches Gebäude zu bauen. Es bringt ja Freude, schöne Architektur zu schaffen! Aber einen Wolkenkratzer zu bauen, in dem eine Bank oder ein Konzern ausbeutend hoch über den anderen sitzt, ist meiner Ansicht nach kein elementares menschliches Bedürfnis.

Margrit Kennedy: Die Wolkenkratzer sind die Slums von Morgen, der reine Ausdruck von Macht nach dem Motto „Wer hat den Längsten?“.

Heide Göttner-Abendroth: Das Bedürfnis nach immer mehr Macht haben nur die Herrschenden, sie befällt der Wahn, dass diese immer größer werden und ewig wachsen muss. Der Wahn, dass man Herrschaft nur durch Wachstum aufrechterhalten kann, führte schließlich zum Fall aller großen Weltreiche.

Johannes Heimrath: Eine Kultur der Wertschätzung, der Bedürfnisachtung und des Selbstausdrucks – das wär wohl eine „normale“ menschliche Gesellschaft. Ich komme noch einmal zurück auf die Sonnentempel im Tal des Boyne. Die Gesellschaft, die sie geschaffen hatte, musste unheimlich leistungsfähig sein. Darin drückt sich ein Bedürfnis aus, nach etwas, das uns heute an diesen Bauwerken tief beeindruckt. Sie rühren eine andere Frequenz in uns an, als eine ägyptische Pyramide, die einen Einzelnen überhöht. Was ich an dieser Frequenz wahrnehme, hat mit Zyklen zu tun. Eine zyklische Technologie erschafft runde Tempel und Werkzeuge wie eine Steinmühle, die perfekt funktionieren und im Grunde nicht verbessert werden können. Auch wir können heute nichts anderes tun, als einen Motor vor die Mühle hängen, aber das Prinzip zweier sich reibender Steine ist so alt wie die Jungsteinzeit und braucht kein „Wachstum“. Die Mühle ist für mich ein Sinnbild für den Unterschied der Kultur der Tempel zur Kultur der Wolkenkratzer. Ich kann diesen Unterschied nicht gut in Worten ausdrücken …

Heide Göttner-Abendroth: Avebury, Newgrange und andere neolithische Bauwerke sind großartige Werke, die eine hohe Meisterschaft voraussetzen. Damals gab es Städte mit bis zu 10.000 Einwohnern, aber sie wollten keine Pyramide und keinen Wolkenkratzer bauen. Ihre Bauwerke wurden von der Gemeinschaft geschaffen und dienten der Gemeinschaft. Der gesamte Kreislauf von Lebens, Tod und Wiedergeburt wurde dort gefeiert. Deshalb sind neolithische Stätten wie die großen Gräber und Tempel rund oder oval, sie bilden den Uterus der Mutter Erde nach. Aus dem Gedanken der Wiedergeburt aus dem Schoß der mütterlichen Erde ehren sie die Ahnen – denn diese werden ja wiederkehren – und schaffen solche großen Anlagen als Ahnentempel für die ganze Gemeinschaft, während die ägyptische Pyramide nur einem einzelnen, vergöttlichten Pharao dient.

Margrit Kennedy: Wie funktionierte denn damals die Arbeitsteilung ohne Geld? Das ist eine entscheidende Frage, denn wir werden ja nicht in die volle Selbstversorgung zurückkehren, sondern auch nach der Krise eine arbeitsteilige Zivilisation bleiben.

Heide Göttner-Abendroth: Subsistenz heißt doch nicht, dass jeder nun seine eigenen Kartoffeln anbaut. Es heißt, dass eine Region alles erzeugt, was für das Leben in dieser Region gebraucht wird, und das wird in einer differenzierten, arbeitsteiligen Gesellschaft in dieser Region organisiert sein.

Margrit Kennedy: Ins Unreine gesprochen: Das Monopol der Zentralbank wird abgeschafft, so dass viele Regionalwährungen entstehen, damit in einer arbeitsteiligen Gesellschaft die Menschen in den Regionen miteinander kooperieren können, und im überschaubaren Rahmen experimentieren die Menschen mit Schenkökonomie … Aber wo hört das Geld auf, und wo hört der Tausch auf? Ich denke, wir werden auch weiterhin Regionalgeld und internationale Zahlungsmittel brauchen.

Heide Göttner-Abendroth: Ja, wir gehen vom Ist-Zustand aus und fragen uns angesichts dessen, wie die matriarchalen Gesellschaftsmuster funktionieren, und was sie uns lehren könnten. Wenn wir sie wieder einführen wollen, geht das über viele kleine, vernünftige Schritte.
Meine Forschung hat mich überzeugt, dass ein hoher Grad an Arbeitsteilung auch ohne Geld möglich ist, das sehen wir an Beispielen wie dem Tempel von Newgrange im Boyne-Valley. Hier ging es nicht darum, Individuen zu bezahlen, weil niemand individuell seine Existenz bestreiten musste. Diese großen Bauwerke sind entstanden aus der Verknüpfung von großen Clans in vielen dort lebenden Dörfern und Städten. Die Bauten sind ja auch nicht über Nacht entstanden, sondern ihr Entwurf wurde über Generationen tradiert als das Symbol des Kosmos auf Erden. Hat man einmal das Symbol gefunden, wie man Kosmos und Erde in einer Architektur abbildet, so wurde das über Jahrhunderte weiter tradiert. Deshalb entstanden diese Bauten über Generationen, über Jahrhunderte hinweg. Dass die Umsetzung dieser Symbole ohne Geld möglich war, hatte mit der Sozialordnung und mit der spirituellen Glaubenswelt zu tun.

Margrit Kennedy: Es gehörte dazu, dass die Menschen sich gegenseitig kannten. Das ist bei 6 Milliarden Menschen, die wir heute sind, nicht mehr gegeben. Wie kommt man dann dahin, dass das, was essenziell in der Kultur, die Newgrange erschaffen hat, vorhanden war – dass man etwas schafft, das größer ist als der Einzelne – wieder entstehen kann?

Johannes Heimrath: Der Clan-Gedanke lässt sich durchaus in die Moderne übersetzen. Heute ist ein Clan nicht mehr ein Haufen Leute, der in einem Langhaus lebt, sondern unter Umständen ein weit über die Welt gespanntes Netzwerk Gleichgesinnter. Mein „Clan“ beispielsweise existiert weltweit, und mit dem bringe ich doch Dinge zuwege, ganz ohne Geld, die absolut erstaunlich sind, beispielsweise die Organisation eines großen internationalen Kongresses. Auch Heides weltweiter „Clan“ hat zum Gelingen eines Kongresses beigetragen. Wir bringen Kompetenzen zusammen, nutzen neue Kommunikationsmöglichkeiten, und es bilden sich Kreise, deren Mitglieder sich gegenseitig wertschätzen und bedingungslos unterstützen.

Heide Göttner-Abendroth: Auch im traditionellen Clanwesen kann ein Clan ein paar tausend Leute umfassen, die sich nicht mehr persönlich kennen.Wir stellen uns das immer zu klein vor. Über Verwandtschaftsverhältnisse waren bis zu 10.000 Menschen miteinander vernetzt, die, ohne sich persönlich zu kennen, gemeinschaftlich handeln konnten. Dieses Prinzip lässt sich auf moderne Wahlverwandtschaften übertragen, natürlich nicht eins zu eins. Aber die Werte und Haltungen die ein solches traditionelles Clanwesen zusammenhielten, lassen sich übertragen.

Johannes Heimrath: Ja, lasst uns diesen Werten anhand konkreter Beispiele nachgehen. Ich frage ­beispielsweise Heide: Warum schenkst du einen großen Teil deiner Lebensenergie diesem Menscheitskörper, indem du ihn mit deinen Forschungen und Publikationen nährst? Das tust du ja offenbar aus einer Selbstlosigkeit heraus, denn dieser Menschheitskörper gibt dir nicht das, was du unmittelbar zum Leben brauchst. Ist es nicht so, dass das Schenken nicht daran denkt, was es zurück­bekommt?

Heide Göttner-Abendroth: Ich denke nicht daran, was ich dafür bekomme, ich habe nur irgendwann erstaunt festgestellt, dass ich einen geistigen Clan habe, der über die ganze Welt ausgebreitet ist. Genevieve Vaughan sagt: „gift creates bonds“, Geschenke erzeugen Beziehungsgefüge. Ihr schenkt ja auch geistige Produkte, und das schafft Verbindungen zu all euren Freundinnen und Freunden. Das ist ein Kreislauf, der uns schützt und stärkt.
Die geistige, mütterliche Haltung des Schenkens, das Transitive des Schenkens geht nicht ins Uferlose, wir schenken in dem Rahmen, in dem unser geistiger Clan existiert und funktioniert. Denn wir verausgaben uns nicht völlig, wir veranstalten auch kein permanentes Weihnachtsfest.
Margrit Kennedy: Ja, wir tun es für uns selbst, und auf wunderbare Art und Weise bringt das Leben es wieder.
Johannes Heimrath: Das ist kein Altruismus, und es ist auch keine Egozentrik.

Heide Göttner-Abendroth: Das mütterliche Modell steht jenseits von Altruismus und Egozentrik, es hat mit den Werten und der Haltung des kreativen Schenkens zu tun. Mutterschaft ist keine sentimentale Kategorie, sondern eine ökonomische. Alle Arbeit der Mütter, der biologischen Mütter wie der symbolischen Mütter und deren geistige Gaben, könnte man in Geld gar nicht bezahlen, und dennoch ist es Ökonomie.
Johannes Heimrath: Aber würdest du die mütterliche ­Liebe als Ökonomie betrachten?

Heide Göttner-Abendroth: In mütterlichen Gesellschaften ist das nicht getrennt. Im Matriarchat ist Liebe gleich Ökonomie, erst das Patriarchat macht diese künstlichen Trennungen.

Johannes Heimrath: Das wäre eine Ökonomie der Liebe, in deren Mittelpunkt Vertrauen steht und ein Gefühl der Fülle …
Margrit Kennedy: Wenn du Fülle erfährst und daraus handelst, erhälst du auch Fülle zurück.

Heide Göttner-Abendroth: In unserer Gesellschaft wird alles zu einem knappen Gut gemacht. Auch Zuwendung wird nur knapp gegeben, um die Menschen abhängig zu machen. Fülle aber lässt niemanden abhängig werden. Wo kommt denn diese Fülle her? Sie kommt aus der unerschöpflichen Natur. Deshalb möchte ich vorschlagen, dass wir im letzten Abschnitt unseres Gesprächs unser Augenmerk auf die Subsistenzperspektive legen. Darin liegt auch ein spirituelles Prinzip, denn im Matriarchat versteht man das Leben so, dass es von der Göttin Erde und vom göttlichen Kosmos kommt, und die Beziehung zur mütterlichen Erde wird in warmen Begriffen benannt. Dies ist die Basis für eine Ökonomie der Beziehungen, es ist zugleich ein spirituelles System.

Johannes Heimrath: Wenn diese Dimension hier so klar ausgesprochen wird, findet eine Spiritualisierung der Ökonomie statt. Das in einer desakralisierten Welt zu formulieren, ist ausgesprochen schwierig.

Heide Göttner-Abendroth: Es scheint nur so, als seien wir alle weit entfernt von einer Ökonomie des Schenkens mit ihrem spirituellen Gehalt. Man muss sich immer wieder ins Bewusstsein rufen: Wir praktizieren sie bereits, sonst könnte kein Leben existieren. Dann erscheinen das Matriarchat und eine spirituelle Ökonomie nicht als etwas Fernes, sondern wir leben es ja bereits. Die matriarchale Vision ist nichts Fremdes, es geht darum, sie im Leben zu erkennen. Und wenn diese Werte einmal erkannt sind, zeigen sie sich erstaunlich resistent gegen Angriffe von außen. Dazu eine kleine Anekdote, die ich aus der matriarchalen Stadt Juchitàn in Mexiko – wo Veronika Bennholdt-Thomsen geforscht hat – erzähle:
Diese Gesellschaft basiert auf regionalen Märkten, und die Händlerinnen sind die Frauen. Sie kaufen nicht dort ein, wo es am billigsten ist. Die Frauen verstehen sich nicht als Konkurrentinnen, sondern sie kaufen jeweils bei ihren Freundinnen ein, um Beziehungen zu pflegen. Es geht also nicht um Tausch, sondern um ein System der Bindungen.
Nun wollte die amerikanische Warenhauskette WalMart in Juchitàn Fuß fassen, und wir Ethnologinnen und Matriarchatsforscherinnen glaubten schon, das sei der Untergang dieser Kultur. So schien es auch, denn in den ersten Tagen waren die Regale des WalMart-Supermarkts völlig leergeräumt, alles war ausverkauft. Der Supermarkt machte in den ersten paar Tagen einen riesigen Umsatz. Doch dann blieben die Käuferinnen aus, und nach zwei Wochen ging keine einzige mehr in den Supermarkt, er war uninteressant geworden. Wir fragten eine Frau aus Juchitàn nach dem Grund, und sie sagte: Ich kann dort keine Gespräche führen, ich kann nicht mit meinen Freundinnen reden, ich kann nichts anderes tun als bezahlen! Nach einer Weile musste WalMart dort schließen.
Es ist ein Beispiel, das zeigt, dass Ökonomien des Schenkens auch im größeren Maßstab und in einer modernen Welt funktionieren können. Margrit, wenn eure ganze Region so ähnlich wäre wie der „Lebensgarten Steyerberg“, hättet ihr viele Probleme weniger. Eure Kinder und Jugendlichen könnten in der Region sinnvolles Lernen und sinnvolle Arbeit finden, und man könnte mit einer auf Schenke-Beziehung basierenden Wirtschaft experimentieren.

Margrit Kennedy: Eine Region als einen wahlverwandten Clan zu begreifen, ist ein spannender neuer Gedanke für mich. Im ersten Moment kam er mir total unrealistisch vor, weil ich in großen Regionen und Nationalstaaten denke. Aber auch in dieser Arbeit geht es darum, den kleineren Einheiten möglichst viele Gestaltungsmöglichkeiten zu geben.

Johannes Heimrath: Ich denke oft an ein Europa der Regionen. Das kann sich von innen heraus entwickeln, unabhängig von den jetzt existierenden Staaten. Regio­nen begreifen sich als eigene Identität und beginnen, von innen heraus eine auf Beziehung basierende Sozial- und Wirtschaftsstruktur zu entwickeln. So entstünden von selbst politische Einheiten, eigentlich nach einem anarchischen Prinzip, aber ich würde lieber von einer „Arché“ statt von Anarchie sprechen. Ich kreiere jetzt mal das Wort „archisch“ – eine „archische“ Gesellschaft, das ist eine Gesellschaft, die sich ihrer Ursprünge bewusst ist.

Heide Göttner-Abendroth: Den Arché-Gedanken finde ich wunderbar. Matriarchat übersetze ich mit: „am Anfang die Mütter“. Denn das griechische Wort arché heißt Anfang, Ursprung und Schoß und keineswegs nur „Herrschaft“ – siehe beispielweise „Archäologie“: die „Lehre von den Anfängen“.
In solchen neuen Regionen könnten sich die Menschen das Recht auf ihre eigene Gestaltung ihres Lebens zurückholen. Ein Staat ist dann gar nicht mehr nötig. Wir brauchen keinen Staat, sondern Gemeinschaften und unabhängige Regionen und die Vernetzung von solchen Regionen zu größeren, egalitären Gebilden. Es klingt zwar utopisch, aber zugleich wäre es das Normale und Natürliche: blühende Regionen mit vielen lebendigen Gemeinschaften, die sich international vernetzen.

Johannes Heimrath: Das ist eine schöne Vision für eine lebensfördernde Kultur der Gegenwart. Lasst sie uns weiter pflegen.


Literaturhinweise: Heide Göttner-Abendroth: Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft. Prinzipien und Praxis der Matriarchatspolitik, Drachen Verlag, Klein Jasedow 2008.
Margrit Kennedy, Bernard A. Lietaer: Regionalwährungen: Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand, Riemann Verlag, München 2006.


  Autoren

Heide Göttner-Abendroth, Margrit Kennedy, Johannes Heimrath

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